Texte (Auswahl)
Auf dieser Seite versammeln sich Texte aus kunsthistorischer Perspektive, die sich vertiefend mit der Praxis auseinandersetzen.
Das gewöhnliche Formen – Julian Denzler
Janosch Müller gestaltet mit dem, was bereits vorhanden ist. Ob in seinen Werken im Feld der erweiterten Malerei oder in Projekten im öffentlichen Raum: Er nimmt das Bestehende als Ausgangspunkt und entwickelt daraus etwas Eigenes.
Für die Werkserie neo (2024) verwendete Müller kostenlose Materialmuster für Bodenbeläge aus dem Baumarkt. Diese bearbeitete er nachträglich mit Hitze und entwickelte daraus ungegenständliche Motive mit Anklängen an Landschaftsdarstellungen. Durch die Behandlung entsteht auf dem industriell gefertigten Ursprungsmaterial eine organisch anmutende Oberflächenstruktur. Aus den Teststücken entstehen so Reliefs voller Bewegung und Detailreichtum.
Der Einsatz von Chemikalien ist eine wiederkehrende Strategie in Müllers bisherigem Schaffen. Es ermöglicht ihm ein feines Wechselspiel zwischen intendierter Handlung und der Unkontrollierbarkeit des Zufalls. Für Ohne Titel (2023) installierte der Künstler ein 7 × 1.5 m großes Baumwolltuch freihängend in einem Ausstellungsraum. Farbstoff und Bleiche tropften auf den Stoff und ließen eine prozessuale, installative Malerei entstehen. Müller schuf die Rahmenbedingungen und überließ dann den Materialien die Regie — oder gar: das Malen selbst. Die Prozesshaftigkeit, oder auch das Vertrauen in den Prozess, ist eine zentrale Eigenschaft seiner Arbeit im Feld der erweiterten Malerei.
Ein Teil von Müllers künstlerischem Schaffen findet im öffentlichen Raum statt — im Rahmen bildender Kunst und darüber hinaus. Der graffiti-erprobte Künstler eignet sich den Stadtraum an und lässt mit seinen Eingriffen immer wieder die Frage aufkommen: Wie öffentlich ist der öffentliche Raum eigentlich? Seine Werke erscheinen auf Hausfassaden und Stromkästen, auf Parkplätzen und in Parks. Sie fügen sich ein an Orte, an denen Formen und Objekte meist von Funktionalität geprägt sind und von Zeit und Witterung geformt wurden.
Wandflächen und Stromkästen mit deutlichen Gebrauchsspuren — im Kunstkontext würde man sagen: mit starker Patina — macht Müller sichtbar, indem er Teilflächen putzt oder monochrom überstreicht und so den organischen Strukturen der Verwitterung einen klaren, formalen Kontrast entgegensetzt. Plastikkörbe, Überbleibsel eines Markttags, arrangiert er zu geometrischen Stadtstrukturen, Kompositionen aus Absperrband an einem Metallzaun balancieren zwischen gewöhnlicher Alltagsskurillität und bewusst gesetzter Inszenierung.
Müller interveniert dort, wo niemand es erwartet. Er arbeitet an Hotspots des Unscheinbaren — an Orten, an denen ästhetische Eingriffe zunächst nicht unter Kunstverdacht stehen, sondern im Zweifelsfall für Zufälle gehalten werden. Seine Arbeiten drängen sich nicht als Kunst auf, sondern führen zunächst zu feinen Wahrnehmungsschärfungen im öffentlichen Raum. Generell ist Janosch Müllers Umgang mit Kunst geprägt von einer erfrischenden Nonchalance: Nicht die auratische Präsenz des Kunstwerks steht im Zentrum, sondern die Lust am Experiment, an Prozess und Wahrnehmungsveränderung.
Okupo Reihe-H Julia Seitz
In der Okupo-Gruppe untersucht Janosch Müller die sichtbaren und unsichtbaren Ordnungssysteme des öffentlichen Raums. In dieser Werkgruppe entsteht eine Reihe an Arbeiten (Okupo-Reihe H). Die blauen, skulpturalen Eingriffe erinnern an die Ästhetik verpackter Schilder. Indem sie ihrer Funktion enthoben werden, verschieben sich ihre Bedeutungen: Aus Zeichen der Orientierung und Regulierung werden autonome künstlerische Setzungen, die sich in den Stadtraum einschreiben und irritierend wirken können. Indem sie ihrer ursprünglichen Funktion entzogen werden, verschieben sich ihre Bedeutungen: Aus Zeichen der Orientierung und Regulierung werden autonome künstlerische Setzungen, die den Stadtraum neu definieren und gleichzeitig irritierende Momente erzeugen. Müllers Arbeiten bewegen sich an einem Kipp-Punkt zwischen Funktion und Form, zwischen Prozesshaftigkeit und kompositorischer Strenge. Diese Schwelle macht erfahrbar, wie immanente Strukturen, Regeln, Normen, Ordnungen, in einen Zustand von Transzendenz übergehen können.
Gerade durch ihre konkrete Präsenz im Stadtraum entwickeln die Eingriffe eine doppelte Wirkung. Sie sind unmittelbar erfahrbar und materiell, zugleich öffnen sie Räume für Reflexion und Imagination. Der vertraute Stadtraum wird dadurch in seiner Fragilität sichtbar: als Geflecht von Zeichen, das nie stabil ist, sondern veränderbar und neu lesbar. So verwandelt Müller den öffentlichen Raum in ein Experimentierfeld, in dem Transzendenz und Immanenz einander durchdringen. Die blauen Skulpturen werden zu Schwellenzeichen, die Orientierung nicht mehr geben, sondern in Frage stellen und damit neue Perspektiven auf das Verhältnis von Ordnung und Freiheit eröffnen.
Clara Victoria Kliem
…über neo
Industrielles Vinyl wird durch Hitze transformiert: Die Oberfläche verkrustet, erinnert an Baumrinde und Schorf – schützend, verletzlich, sensibel auf Reize. Das künstliche Material wird zur Membran, die Spannungen in Schnittstellen zwischen Umweltwahrnehmung, Materialästhetik und Anthropogenität evoziert. Diese Arbeit reflektiert das Verhältnis von Natur gegenüber Kultur und eröffnet abstrakte Landschaftsbilder als Konstrukte von Material, Prozess und Imagination.
…über Host
Wuchernde Kabel treten hervor, erinnern an technische Infrastrukturen und verteilen sich parasitär im Raum. Der Korpus des Bauwerks wird durchdrungen und reflektiert die Verwobenheit menschlicher Lebensräume mit technischen Umwelten, das Kabel scheint als technischer Organismus, der sein Wuchern unaufhaltsam fortsetzt. Zwischen Funktion und Suggestion, Mensch und Technik, wird eine fragile Grenze der Machtverhältnisse verhandelt. Metallfragmente verstärken die industrielle Kälte und eröffnen Reflexionen über das Ineinander von Technik, Organischem und Verborgenem in Räumlichkeiten.
…über Infiltration
Auf eine mit Eiche furnierte MDF-Platte tropft kontinuierlich Beize, die auf die im Holz enthaltene Gerbsäure reagiert und sichtbare Verfärbungen hervorruft. Die Oberfläche verfärbt sich, reagiert und speichert Spuren – das Umfeld reagiert. In der Ambivalenz zwischen Stabilität und Wandel entstehen Veredelungen, die zugleich an Verbrennungen erinnern. Das Bild macht Umbrüche des Rohstoffs sichtbar und reflektiert kulturelle Zuschreibungen von Wert oder Vergänglichkeit.
…über Sättigung
Antagonismen prägen das textile Bildfeld: graue Textilien sind Bleichmitteln und schwarzem Textilfarbstoff ausgesetzt. Diese Interaktionen schreiben sich ineinandergreifende Sedimente in die Oberfläche ein. Dabei wird Reaktion und Widerstand des Materials erfahrbar. Wie Organismen auf Einflüsse reagieren, so speichern sich Spuren der Zeit im Gewebe, verweisen auf den verharrenden Moment der Trocknung. Bildräume entstehen zwischen Materialität und Abstraktion, in denen Vergänglichkeit und Prozesshaftigkeit sichtbar wird, zugleich manifestiert sich ein visuelles Archiv von Zeit.