Texte
Texte (Auswahl)
Auf dieser Seite versammeln sich Texte aus kunsthistorischer Perspektive, die sich vertiefend mit der Praxis auseinandersetzen.
Richard Groth (Kunsthistoriker Völklinger Hütte)
…über Residuum
Mit Residuum untersucht Janosch Müller an verschiedenen Orten Stuttgarts den Kipppunkt zwischen Funktion und Irritation. Gewohnte Sehmuster werden durch ephemere, malerische Eingriffe in Rasenflächen aufgebrochen und eröffnen neue Perspektiven auf Stadtraum und Flächennutzung. Durch Teilabdeckung mit opaken Silofolien verändert Müller die Gestalt urbaner Grünflächen. Die Folien isolieren den Rasen an den bedeckten Stellen für etwa zwei Wochen von Licht und Luft. Die Rasenfläche wird so zum Bildträger. Zurück bleiben verfärbte, reliefartige Spuren, deren Form ortsspezifisch und nicht vorgegeben ist. Sie erinnern an infrastrukturelle Ordnungssysteme wie Verkehrsachsen, aber auch Bodenstrukturen und Wurzelwerk.
Die Eingriffe machen zugleich das Ordnungssystem Rasen selbst sichtbar: als artifiziellregulierte Monokultur mit geringer biologischer Diversität infolge weitgehender Verdrängung von „Unkraut“. Ausgehend von Gartentraditionen des 18. Jahrhundertssollte Rasen gleichmäßig und makellos grün sein. Diese Normierung birgt einen immensen Pflegeaufwand. Regelmäßig gemäht speichert Rasen kaum mehr CO₂ als Beton. Nichtsdestotrotz wandelte sich der zunächst der Elite vorbehaltene Rasen zueinem Inbegriff urbaner Klimaregulation und Lebensqualität. Wenngleich städtische Rasenflächen heute oft als gemeinschaftliche Erholungsorte erscheinen, bleiben dennoch Mechanismen von Exklusion durch kommunale Pflege- und Nutzungsregelnund soziale Verhaltensnormen wirksam. Zugleich weichen auch Grünflächen zunehmend Infrastrukturmaßnahmen. Damit verweist nicht zuletzt der Titel Residuum auf Überbleibsel, die kurzzeitig inirritierender Weise hervortreten, bevor sie wieder in den Zustand scheinbarer Homogenität zurückkehren – sei es in Form verdrängter gemeinschaftlicher Grünflächen, unliebsamen „Unkrauts“, oder temporärer künstlerischer Setzungen.
Für die Rasenfläche vor dem Stadtpalais entwickelt Janosch Müller eine Werkauskopplung, die die sonst bewusst offene Formgebung gezielt durchbricht. Angesichts der Kanaldeckel auf dem Rasen referenziert sie auf die Zirkulationssystemeder Stuttgarter Klärwerke. Als wichtiger Knotenpunkt städtischen Zusammenlebens wird diese verborgene urbane Infrastruktur als lesbare, kollektive Spur freigelegt.
…über Axiom
Janosch Müller rückt mit seiner Werkreihe Axiom ein Element in den Fokus, das im Alltag meist übersehen wird: das Baugerüst. Gewöhnlich erscheint es als notwendiges Übel – als Hindernis, als störende Engführung oder verschwindet gar im Stadtbild. Müllers künstlerische Eingriffe lösen das Gerüst aus seinem funktionalen Kontext und überführen es in raumgreifende Installationen, die ihre offensichtliche Hilfsfunktion verloren haben. Ausgehend von der Materialität stählerner Gerüstsysteme spielt Axiom deren modulare Eigenschaften konsequent aus. Es entstehen Strukturen, die von Funktion gezielt befreit werden und irritieren: Schutznetze sind untypisch gesetzt, Zugänge versperrt. Ob tatsächlich nutzbar, bleibt uneindeutig.Müller durchbricht damit visuelle Routinen des urbanen Raums und provoziert einen zweiten Blick. Dabei verlieren die Gerüste ihren Status als verborgene konstruktive Hilfssysteme und treten stattdessen als autonome, skulpturale Gebilde in Erscheinung. Sie erschaffen eine zweite, vorläufige Architektur, die auf bestehende Strukturen reagiert; etwa als unzugänglicher Balkon auf einem Container. Als „Axiom“ – als grundlegende Annahme – behauptet sich das Gerüst aus sich selbst heraus: Es steht nicht mehr im Dienst eines Bauprozesses, sondern wird zum eigenständigen Prinzip. Gerüste sind kulturell eng mit Interimszuständen verbunden – sie markieren das Unfertige, das Werdende, das Provisorische. Als Hilfskonstruktionen sind sie auf das Kommende ausgerichtet. Sie ermöglichen das, was noch nicht existiert, und weichen zu dessen Enthüllung. In Müllers Arbeit wird diese Prozesshaftigkeit angehalten und so offengelegt: Die Konstruktionen erscheinen wie eingefrorene Momente eines nie abgeschlossenen Bauzustands und schwanken zwischen materieller Stabilität und Vorläufigkeit. Zugleich eröffnen die Arbeiten potenzielle Nutzungsräume. Als teils begehbare Strukturen oder offene Anordnungen stehen sie in der Tradition gemeinschaftlicher Architekturen oder erinnern an urbane Trainingsparks. Axiom bewegt sich im Spannungsfeld von Zweck und Zweckfreiheit, von pragmatischer Infrastruktur und innovativem künstlerischem Wirken.
Das gewöhnliche Formen – Julian Denzler (Kurator Aargauer Kunsthaus)
Janosch Müller gestaltet mit dem, was bereits vorhanden ist. Ob in seinen Werken im Feld der erweiterten Malerei oder in Projekten im öffentlichen Raum: Er nimmt das Bestehende als Ausgangspunkt und entwickelt daraus etwas Eigenes.
Für die Werkserie neo (2024) verwendete Müller kostenlose Materialmuster für Bodenbeläge aus dem Baumarkt. Diese bearbeitete er nachträglich mit Hitze und entwickelte daraus ungegenständliche Motive mit Anklängen an Landschaftsdarstellungen. Durch die Behandlung entsteht auf dem industriell gefertigten Ursprungsmaterial eine organisch anmutende Oberflächenstruktur. Aus den Teststücken entstehen so Reliefs voller Bewegung und Detailreichtum.
Der Einsatz von Chemikalien ist eine wiederkehrende Strategie in Müllers bisherigem Schaffen. Es ermöglicht ihm ein feines Wechselspiel zwischen intendierter Handlung und der Unkontrollierbarkeit des Zufalls. Für Ohne Titel (2023) installierte der Künstler ein 7 × 1.5 m großes Baumwolltuch freihängend in einem Ausstellungsraum. Farbstoff und Bleiche tropften auf den Stoff und ließen eine prozessuale, installative Malerei entstehen. Müller schuf die Rahmenbedingungen und überließ dann den Materialien die Regie — oder gar: das Malen selbst. Die Prozesshaftigkeit, oder auch das Vertrauen in den Prozess, ist eine zentrale Eigenschaft seiner Arbeit im Feld der erweiterten Malerei.
Ein Teil von Müllers künstlerischem Schaffen findet im öffentlichen Raum statt — im Rahmen bildender Kunst und darüber hinaus. Der graffiti-erprobte Künstler eignet sich den Stadtraum an und lässt mit seinen Eingriffen immer wieder die Frage aufkommen: Wie öffentlich ist der öffentliche Raum eigentlich? Seine Werke erscheinen auf Hausfassaden und Stromkästen, auf Parkplätzen und in Parks. Sie fügen sich ein an Orte, an denen Formen und Objekte meist von Funktionalität geprägt sind und von Zeit und Witterung geformt wurden.
Wandflächen und Stromkästen mit deutlichen Gebrauchsspuren — im Kunstkontext würde man sagen: mit starker Patina — macht Müller sichtbar, indem er Teilflächen putzt oder monochrom überstreicht und so den organischen Strukturen der Verwitterung einen klaren, formalen Kontrast entgegensetzt. Plastikkörbe, Überbleibsel eines Markttags, arrangiert er zu geometrischen Stadtstrukturen, Kompositionen aus Absperrband an einem Metallzaun balancieren zwischen gewöhnlicher Alltagsskurillität und bewusst gesetzter Inszenierung.
Müller interveniert dort, wo niemand es erwartet. Er arbeitet an Hotspots des Unscheinbaren — an Orten, an denen ästhetische Eingriffe zunächst nicht unter Kunstverdacht stehen, sondern im Zweifelsfall für Zufälle gehalten werden. Seine Arbeiten drängen sich nicht als Kunst auf, sondern führen zunächst zu feinen Wahrnehmungsschärfungen im öffentlichen Raum. Generell ist Janosch Müllers Umgang mit Kunst geprägt von einer erfrischenden Nonchalance: Nicht die auratische Präsenz des Kunstwerks steht im Zentrum, sondern die Lust am Experiment, an Prozess und Wahrnehmungsveränderung.
Okupo Reihe-H Julia Seitz (angehende Kunsthistorikerin)
In der Okupo-Gruppe untersucht Janosch Müller die sichtbaren und unsichtbaren Ordnungssysteme des öffentlichen Raums. In dieser Werkgruppe entsteht eine Reihe an Arbeiten (Okupo-Reihe H). Die blauen, skulpturalen Eingriffe erinnern an die Ästhetik verpackter Schilder. Indem sie ihrer Funktion enthoben werden, verschieben sich ihre Bedeutungen: Aus Zeichen der Orientierung und Regulierung werden autonome künstlerische Setzungen, die sich in den Stadtraum einschreiben und irritierend wirken können. Indem sie ihrer ursprünglichen Funktion entzogen werden, verschieben sich ihre Bedeutungen: Aus Zeichen der Orientierung und Regulierung werden autonome künstlerische Setzungen, die den Stadtraum neu definieren und gleichzeitig irritierende Momente erzeugen. Müllers Arbeiten bewegen sich an einem Kipp-Punkt zwischen Funktion und Form, zwischen Prozesshaftigkeit und kompositorischer Strenge. Diese Schwelle macht erfahrbar, wie immanente Strukturen, Regeln, Normen, Ordnungen, in einen Zustand von Transzendenz übergehen können.
Gerade durch ihre konkrete Präsenz im Stadtraum entwickeln die Eingriffe eine doppelte Wirkung. Sie sind unmittelbar erfahrbar und materiell, zugleich öffnen sie Räume für Reflexion und Imagination. Der vertraute Stadtraum wird dadurch in seiner Fragilität sichtbar: als Geflecht von Zeichen, das nie stabil ist, sondern veränderbar und neu lesbar. So verwandelt Müller den öffentlichen Raum in ein Experimentierfeld, in dem Transzendenz und Immanenz einander durchdringen. Die blauen Skulpturen werden zu Schwellenzeichen, die Orientierung nicht mehr geben, sondern in Frage stellen und damit neue Perspektiven auf das Verhältnis von Ordnung und Freiheit eröffnen.
Clara Victoria Kliem (angehende Kunsthistorikerin)
…über neo
Industrielles Vinyl wird durch Hitze transformiert: Die Oberfläche verkrustet, erinnert an Baumrinde und Schorf – schützend, verletzlich, sensibel auf Reize. Das künstliche Material wird zur Membran, die Spannungen in Schnittstellen zwischen Umweltwahrnehmung, Materialästhetik und Anthropogenität evoziert. Diese Arbeit reflektiert das Verhältnis von Natur gegenüber Kultur und eröffnet abstrakte Landschaftsbilder als Konstrukte von Material, Prozess und Imagination.
…über Host
Wuchernde Kabel treten hervor, erinnern an technische Infrastrukturen und verteilen sich parasitär im Raum. Der Korpus des Bauwerks wird durchdrungen und reflektiert die Verwobenheit menschlicher Lebensräume mit technischen Umwelten, das Kabel scheint als technischer Organismus, der sein Wuchern unaufhaltsam fortsetzt. Zwischen Funktion und Suggestion, Mensch und Technik, wird eine fragile Grenze der Machtverhältnisse verhandelt. Metallfragmente verstärken die industrielle Kälte und eröffnen Reflexionen über das Ineinander von Technik, Organischem und Verborgenem in Räumlichkeiten.
…über Infiltration
Auf eine mit Eiche furnierte MDF-Platte tropft kontinuierlich Beize, die auf die im Holz enthaltene Gerbsäure reagiert und sichtbare Verfärbungen hervorruft. Die Oberfläche verfärbt sich, reagiert und speichert Spuren – das Umfeld reagiert. In der Ambivalenz zwischen Stabilität und Wandel entstehen Veredelungen, die zugleich an Verbrennungen erinnern. Das Bild macht Umbrüche des Rohstoffs sichtbar und reflektiert kulturelle Zuschreibungen von Wert oder Vergänglichkeit.
…über Sättigung
Antagonismen prägen das textile Bildfeld: graue Textilien sind Bleichmitteln und schwarzem Textilfarbstoff ausgesetzt. Diese Interaktionen schreiben sich ineinandergreifende Sedimente in die Oberfläche ein. Dabei wird Reaktion und Widerstand des Materials erfahrbar. Wie Organismen auf Einflüsse reagieren, so speichern sich Spuren der Zeit im Gewebe, verweisen auf den verharrenden Moment der Trocknung. Bildräume entstehen zwischen Materialität und Abstraktion, in denen Vergänglichkeit und Prozesshaftigkeit sichtbar wird, zugleich manifestiert sich ein visuelles Archiv von Zeit.